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Carrière, Jean-Claude

Mit anderen Worten
Ein erotischer Sprachführer

Alexander Verlag
Ca. 200 Seiten, Halbleinen, Fadenheftung, sw-Abbildungen von Picasso, Matisse u.a.
ISBN: 978-3-89581-185-2

ca. 17.90 €

Noch nicht lieferbar. Erscheint Juni 2008.

mehr zu Jean-Claude Carrière (Autor)
PDFLESEPROBE 1. KAPITEL

Die junge Schauspielerin Françoise synchronisiert pornografische Filme. In einem Brief an den Autor der »Abhandlung zur Entwicklung des erotischen Vokabulars« beklagt sie sich über die einfallslosen und armseligen Wörter,mit denen sie arbeiten muß und bittet ihn um Rat. Der gelehrte alte Herr (im Ruhestand) antwortet ihr mit ausführlichen Briefen, die keine Frage offen und kein Thema unbehandelt lassen.

»In manchen Bereichen ist unsere Sprache unerschöpflich.« Jean-Claude Carrière

Paris, am 3. September

Sehr geehrtes Fräulein!

Ich danke Ihnen für Ihren Brief, der mich zutiefst
berührt und den schlaffen Mann (der ich aber
nicht immer war) wachgerüttelt hat.
Die wissenschaftliche Arbeit, die Sie ansprechen
und die heute vergriffen ist, hatte den genauen
Titel »Abhandlungen zur Entwicklung des erotischen
Vokabulars«. Ich habe sie schon vor sehr
langer Zeit veröffentlicht, und ich wage zu behaupten,
daß sie bis heute unübertroffen ist.
Selbstverständlich sind seitdem einige neue Ausdrücke
entstanden – die Sprache lebt –, aber ich habe mich
immer so gut es ging auf dem laufenden gehalten.
So haben sich ergänzende Notizen zum Buch angesammelt.
Sie verteilen sich bereits über meine ganze Wohnung.
Ich glaube, ich kann Ihre heikle Frage beantworten.
Sie fürchten, daß Ihr quälendes Problem mir
»eigenartig oder unangebracht« erscheinen könnte.
Seien Sie beruhigt: Ich bin glücklich, Ihnen helfen
zu können und mein bescheidenes Wissen zu
Ihren Füßen zu legen, die ich mir übrigens sehr
hübsch vorstelle.
»Es ist kein Handwerk schlecht, doch viele treiben’s
nicht recht.« Sie beschäftigen sich, wenn ich
Sie richtig verstanden habe, mit der »Synchronisation
« fremdsprachiger Filme, die, wie Sie sagen,
einen entschieden pornographischen Charakter
haben, und Sie bedauern den armseligen Wortschatz,
der Ihnen vorgelegt wird. Niemand könnte
Sie besser verstehen als ich. Es ist vielleicht ein-
oder zweimal vorgekommen, seitdem ich im Ruhestand
bin, daß ich mich in eines dieser Kinos
verirrt habe, und ich war jedes Mal zutiefst betrübt,
und zwar nicht über das Gesehene, sondern
über das Gehörte. Immer die gleichen abgenutzten
und ordinären Wörter. So üppig die Kurven, so
flach die Sprache.
Dabei verfügt unsere schöne Sprache, glauben Sie
mir, mein Fräulein, in diesem Bereich über wahre,
meist verkannte Schätze. Nehmen wir zum Beispiel
den Ausdruck Liebe machen, den Sie sicherlich
verwenden und der seit immer und ewig durch
das Verb ficken ausgedrückt wurde, das seine heutige
Bedeutung schon im 16. Jahrhundert bekommen
hat und nach und nach das früher verbreitete
fickfacken ersetzte, und es lassen sich sofort jede
Menge malerische und köstliche Synonyme finden,
etwa im Jargon der Schneiderinnen das Wort
einfädeln oder, um im Handwerklichen zu bleiben,
stangeln und wetzen, die sehr gebräuchlich sind,
eigentlich genauso wie pflanzen, stechen, pfropfen,
bimsen, und nicht zu vergessen poppen, das in
Deutschland sehr beliebt ist und seinen Reiz hat.*




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